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Marco Polo war in China
Ammenmärchen von Holger

Wie er ja schon selbst ausführlich in seinem Reisebericht darlegt, war Marco Polo bis nach China gereist und hielt sich dort einige Zeit lang auf.

Tatsächlich aber gibt es daran erhebliche Zweifel. Eigenen Angaben zufolge hatte er eine Audienz beim damaligen mongolischen Herrscher Chinas, Kubilai Khan, und wurde von diesem zwischen 1275 und 1292 zu mehreren offiziellen Missionen eingesetzt. Seltsamerweise geben die chinesischen Quellen, die sonst zuverlässig jeden Besucher des Kaisers/Khan vermerken und alle offiziellen Missionen und die damit verbundenen Leute festhalten, keinerlei Auskunft über einen Ausländer, der sich mit Marco Polo identifizieren ließe. Darüberhinaus zeichnet sich Polos Bericht durch eine befremdlich Uneinheitlichkeit bei der Detailliertheit seiner Beschreibung aus. Einige Dinge beschreibt er sehr genau und zutreffend, andere, für einen Fremden mindestens ebenso augfällige, läßt er völlig aus. So erwähnt er, meiner Erinnerung nach, z.B. die seltsame chinesische Schrift, die so völlig von unserer abweicht, mit keinem Wort. Die wahrscheinlichste Erklärung ist die, daß Polo in Wirklichkeit nur bis Zentralasien gekommen ist, wo ihm die Karawanen der Seidenstraßen (die man sich nicht als einen kartographierbaren Weg oder wenigstens eine Route vorstellen darf -- tatsächlich gab es viele möglicher Routen und eine ganze Reihe wichtiger Etappenstationen auf dem Weg und welche davon man auf welcher Route ansteuerte hing von der Laune des Karawanenführers und den Gegebenheiten unterwegs ab) begegneten. Von deren Teilnehmer wird er aus zweiter, möglicherweise sogar bloß aus dritter Hand (viele Karawanen bereisten nur einen Teil der Strecke und verkauften die mitgeführten Handelsgüter dann an Zwischenhändler, die sie weitertransportierten) an die Nachrichten aus China gekommen sein, die er mit viel Phantasie und Aufschneiderei zu einem angeblich eigenen Erlebnisbericht anreicherte. Diese Karawanenteilnehmer wiederum werden z.B. mit der chinesischen Schrift schon so vertraut gewesen sein, daß sie ihnen beim Gespräch mit Polo keine Erwähnung mehr wert war (oder sie waren, weil eben nur Zwischenhändler, auch nie selbst in China und kannten es ihrerseits nur aus den Erzählungen anderer Karawanen, die, da möglicherweise Chinesen, an ihrer Schrift überhaupt nichts besonderes fanden). Daß er wirklich in China war, ist höchst unwahrscheinlich, daß seine Angaben über seine Begegnung mit dem Khan und seinen Status als dessen Gesandter stimmen, kann sicher ausgeschlossen werden. Nichtsdestotrotz sind seine Angaben über das damalige China weitgehend zutreffend -- nur hat er das eben nicht selbst erlebt und gesehen.

Quelle: sinologisches Grundwissen

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